„Der Feinschmecker“ unterjocht sich dem Zentralverband
Als Laie stellt man sich das Leben der Redakteure, die für das Food-Magazin Der Feinschmecker arbeiten, ja so vor: Sie sind alle ausgewiesene Gourmets, speisen täglich in Spitzenrestaurants und bekommen haufenweise Weinverkostungseinladungen (natürlich weltweit, Reisespesen kein Thema) sowie Produktkostproben ins Büro geschickt, die sie dann publizistisch in den Himmel heben oder verdammen. In der wenigen freien Zeit streifen sie mit, nun ja in diesem Fall Arguszunge, durch die Landschaft, stoßen durch Zufall auch mal auf eine kleine, außergewöhnlich gute Bäckerei, deren Produkte ihren Gaumen betören. Eine kleine Notiz im Gourmet-Magazin ... und der erwählte Bäcker-meister kann sich erst mal vor Kunden nicht mehr retten. Soweit der Mythos, die Realität dürfte anders aussehen, was sicher auch mit Rücksichten auf Werbekunden etc. zu tun haben dürfte.
In diesem Jahr lässt sich der Feinschmecker allerdings vor einen ganz besonderen Karren spannen: Unter der Oberaufsicht des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks e.V. (ZV), Berlin, werden die Feinschmecker-Redakteure 1.000 vom ZV vorgeschlagene Bäckereibetriebe aufsuchen und schließlich davon die 750 besten Bäcker Deutschlands küren. Zudem wird pro Bundesland ein Bäcker als Bester ausgewählt. Alle Landessieger werden auf der kommenden iba in München aus-gezeichnet, die Übrigen werden sich mit Namen und Anschrift in der November-Ausgabe des Feinschmeckers in einer kleinen separaten Broschüre wiederfinden.
Damit die Feinschmecker-Testkäufer auch genau wissen, was sie zu tun haben, werden sie im kommenden April an der Bundesakademie des Deutschen Bäckerhandwerks in Weinheim in der sensorischen Begutachtung von Backwaren geschult. Maßgeblich sind hier die Qualitätsaspekte des Instituts für Qualitätssicherung von Backwaren (IQBack) e.V., die die sechs aufregenden Prüfkriterien Oberflächen-/Krusteneigenschaft, Lockerung/Krumenbild, Struktur/ Elastizität, Geruch, Geschmack sowie Form/Aussehen abtestet. Dazu muss man sagen, dass IQBack nach DLG-Kriterien bewertet - und sämtliche Großbäcker Deutschlands kistenweise DLG-Medaillen in ihren Schränken horten. Dort schauen die Feinschmecker-Testkäufer aber bestimmt nicht vorbei.
Es kommt aber noch ein bisschen besser: Wir zitieren die Pressemitteilung des ZV (unsere Hervorhebungen): „Maßgeblich für die Auswahl der 1.000 besten Betriebe, die die Testesser besuchen, sind die Zahl der eingereichten Proben bei der letzten Prüfung 2011/2012, diedurchschnittliche Qualitätszahl sowie die kontinuierliche Teilnahme in den letzten drei Jahren“. Zwei der drei Kriterien haben, wenn wir das richtig verstehen, mit Backkunst gar nichts zu tun, sondern zielen eher darauf ab, die IQBack-Nachfrage zu beleben. Jetzt stellt sich eigentlich nur eine Frage: Wie konnte der ZV den Feinschmecker wohl für so eine Marketingaktion vereinnahmen ...?

